„Jim Beam, Cafè Savoy, John Travolta, …oder warum 1979 gut war.“

„Jim Beam, Cafè Savoy, John Travolta….oder warum 1979 gut war.“

1979 war ich durchaus noch als Jugendlicher zu bezeichnen. Mein Onkel übte seine künftige Bestimmung auf dieser Erde in einer selbst gebauten Bar im Hof meiner Grossmutter neben der Garage. Der dazugehörige Stadtteil trug den Namen „Speckschlag“. Es war hauptsächlich dunkel, roch nach kaltem Rauch und der Tresen bestand aus geflämmten Brettern mit aufgenagelten Wildschweinfellen – also ein durchaus archaischer Ort der auch Neandophilen Spass gemacht hätte. Überall standen Weinflaschen mit dicken bunten Wachsstalaktiten von hundert geschmolzenen Kerzen. Auf dem Tresen – und das vergess ich nie im Leben, stand ein altersbedingt für mich faszinierendes Objekt. Eine Jim Beam Flasche von enormen Ausmassen. Ich denke sie war gut für fünf Liter Whiskey in einem Haps (..ist Haps eine gängige Maßeinheit?) Eine gleiche Flasche, aber gefüllt, war hinter dem „Barmann“ an der Wand befestigt und mit dem Kopf nach unten aufgehängt. (eine alte Indiandergemeinheit, die man hier auf Whisky übertragen hatte. Nur, dass an einem Cowboy kein Zapfhahn befestigt wurde, an der Jim Beam Flasche aber wohl.)

Später gründete eben dieser Onkel das Tages- und Tanzcafè „Savoy“ in Röthenbach an der Pegnitz. (..er war das siebte Kind in der Familie, geboren in den 40er Jahren in einem deutschen Dorf bei Belgrad direkt an der Donau, und hieß deshalb automatisch Adolf. Tatsächlich hatte er mit einem Arier so viel gemein, wie ein ungarischer Husaren-Fürst mit Marlene Dietrich. Schwarz die wallende Mähne, schwarz der Mantel, schwarz der Schnurrbart, fast schwarz der süsslich riechende Tabak, den er sich ständig in ein Pfeifchen stopfte, schwarz die Sonnenbrille, die er beim Verlassen der Disco stets trug um in seinem metallic-grünen Mercedes Cabriolet abzurauschen und Kaffeesahne nachzukaufen.

In der Disco machte ich meine ersten zaghaften Discodance-Schritte, die meine damals 14jährige Schwester mir hinter einem Schrank beigebracht hatte. „Hahaha, die gehen zum Tanzen hinter den Schrank….“ Nö nich nur zum Tanzen. Mangels Geld für eine Rigipswand und vielleicht noch mehr aus Mangel an Platz hatte mein Vater den fast raumhohen Schrank mitten ins gemeinsame „Kinderzimmer“ verschoben und den Durchgang mit einem quietschgelben und sehr geschmackvollen Vorhang kaschiert. Mein drei Quadratmeter Refugium befand sich nebst Bett vor dem Schrank, das meiner Schwester – mäusenestartig hinter dem Schrank, wo dann Meat-Loaf schmachtete „You took the words right out of my mouth…“ Status Quo „..over the World rockten“ , wie der Pietsch und der Oberneder, leicht shitversiffte Luftgitarrenvirtuosen mit langen blonden Haaren und verwaschenem und zerrissenen Jeans-Outfit, aus meiner Klasse in der Oskar-Sembach-Realschule. Ich hab die mittelfränkischen Blumenkinder nie wiedergesehen. Hinter dem Schrank tobten auch noch Kate Bush aus der Grafschaft Kent und Blondie die irgendwie melodisch-unmelodisch hormontreibende Klänge verbreiteten.

Das „Savoy“ wurde tagsüber von Mathilde, Ottilie, Marie und Liliane besucht und die hatten ihre „good vibrations“, denn sie hübschten ihr Rentnerdasein damit auf, dass sie im Cafè Kuchen und Gebäck konsumierten, „aber bitte mit Sahne“ nebst Kaffekännchen und Bärenmilch für zwei-mark-fuffzig des Kännla beim „Beach Blanket Bingo“. – geflirtet und geschäkert wurde dann mit den stets gepflegten, nach Rasierwasser duftenden, top-frisierten, eloquenten und stockschwulen Bedienungen Peter und Peter „…bis der Tod sie reihum absahnte.“…während meine Oma in der Discoküche serbische Bohnensuppe aus der Dose mit Brot und Hawaiitoast und Amarenakirsche zauberte.

Explosiv war daran nur, dass mein Onkel „Addi“ im früheren Leben Bombenentschärfer und Sprengmeister bei der Deutschen Bundeswehr war. Seine Entlassungs-Abfindung hatte er für die Disco-Einrichtung verbraten. Nachts war dann „Saturday Night Fever“ . „I will survive“ lallte eine leicht bekleidete Whiskydrossel, die bei Windstärke acht auf dem Barhocker sass. Andere übten sich in zuckenden Tanzbeats und „danceten the night away“ (beep beep,hey, tutu) oder hielten sich an ihrem Glas fest, beobachteten die fränkischen Disco „Queen“ Grazien auf der Tanzfläche und fragten sich „Who`s bad“..oder versuchten schlicht „..to stay alive“.

Ich war derweil in der winzigen Herrentoilette und „beregnete“ das Pissoir auf den Produktnamen „Geberit“. Mein auch heute noch von Herzen verhasster Mathematiklehrer aus der staatlichen Realschule in Lauf hieß Gebert, ein in Alkohol eingelegtes, schwindsüchtiges Männchen mit undefinierbar bräunlichen Cordhosen, senfgelbem oder babystramplerblauem Pullover und einer Brille, die der Fliege Puk gut gestanden hätte. Er hatte die erotische Ausstrahlung von Tofu und einen ähnlich teigigen Teint.
In seinem Kopf war kaum etwas anderes als ein Zettel mit einer Gleichung (a+b) Quadrat hoch 7 x Unbekannte „Peter G. aus N macht Null“. 
(Er lebt noch – sollte er jetzt „not amused“ sein, dann is mir das wurscht, er hats verdient.)
Und da stand sie. Die geschätzt fünf Liter fassende „Jim Beam Flasche“ auf dem Tresen an der Bar.. Jedoch trank von dieser keiner mehr. Sie war bis zur Hälfte mit kupfern rötlich glänzenden ein-, zwei und fünf Pfennig Münzen gefüllt. Johnny Walker sass auch da und nippte von seinem Glas.

Eines Morgens an einem Sommertag weckte mich das gedämpfte Morgenlicht, das durch den ausgestellten hölzernen Rollo schien. Ich schob mich aus der Kiste, blinzelte mit den Augenlidern auf Halbmast aus dem Fenster unserer Wohnung in Röthenbachs Süden bei den Kleingärten und erblickte eine schwarze Rauchwolke, wie ich sie nur aus Fernsehberichten von Saigon kannte. In Windeseile sauste ich mit dem Fahrrad Richtung Rathaus, weil ich dachte, so schwarzer, dichter, cumulierender, himmelhoher Qualm kann nur von einem brennenden Sägewerk am Fluss Röthenbach stammen. Als ich mit meinem giftgrünen Rennradel dort um die Ecke bog, brannte da nichts, und die Qualmwolke war verschwunden. Die dreistöckigen Arbeiterhäuser aus dem Anfang der Industrialisierung verdeckten den Blick auf die Wahrheit. Ich strampelte den damaligen Kinoberg hoch – nach dem damals einzigen Filmtheater in Röthenbach benannt („Godzilla“ lässt grüßen) – aber da hatten wir wenigstens noch eins – und sah sofort die Wahrheit.

Das Savoy brannte wie ein Stapel Autoreifen. Auf dem Trottoir davor lagen Lebensmittel, aufgeplatzte Konservendosen, Gemüse, Wassermelonen wie zersprengte Granatäpfel, Salamiaufschnitt, geplatzte Bierflaschen, während immer noch schwarzer Qualm scheinbar mit Druck aus dem eingestürzten Dach quoll. Die ganze Strasse roch tagelang später noch süsslich-säuerlich. Darunter lag ein toter Feuerwehrmann, der mit dem Dach eingestürzt war, als seine Kollegen die rückwärtige Metalltür aufschweisten, worauf eine Gaswolke im Inneren explodierte. Feuerwehrschläuche, Aufsetzhydrante – ein Chaos, das mich wieder an Bilder aus Saigon erinnerte, von An-Lac und Na-Trang – amerikanische Stützpunkte und Orte in Vietnam, wo einst Lt.Commander Bill Killgore am Strand mit nacktem Oberkörper und Nordstaaten Offiziers-Hut surfen ging, begleitet vom Stakkato der Bell-Kampfhubschrauber-Rotoren.

Das Feuer hatte im daneben liegenden Supermarkt begonnen und sich durch die nicht existente Brandschutzwand in die Disco gefressen. Mitten in dem Durcheinander stand der schwarze, lederhäutige Addi mit mindestens acht Falten auf der Stirn und starrte tatenlos und ergrimmt auf die immer noch lichterloh und ascheschwarz brennenden Überreste seiner Lebensidee. 
Die Jim Beam Flasche? 
Ein verkohlter Haufen Scherben und Kupfermünzen.

„Gerade wurde ich gefragt, ob die Jeam Beam Flasche eine tragende Rolle hatte. Wenn ich mirs genau überlege, stand und hing sie einfach nur so Rum (paradoxon) Je nachdem ob leer oder nicht, lief was raus oder nicht. Beim Feuer explodierte sie und spuckte alle mühsam gesammelten Kupfermünzen wieder aus. Damit war sie noch als Metapher zu gebrauchen und ein glanzvoller Abschlussatz. Nächstes mal polier ich vorher die Münzen, damit sie noch glanzvoller werden.😄)

  • Bild 1: Jim Beam
  • Bild 2: 70er Jahre Mercedes Cabriolet, ähnlich wie Addies
  • Bild 3: Meat Loaf, "...you took the words right out of my mouth."
  • Bild 4: Status Quo „Rockin all over the World.“
  • Bild 5: Kate Bush "Babooshka"
  • Bild 6: Blondie Debbie Harry "Heart of glass."
  • Bild 7: „Beach Blanket Bingo“ amerikanischer Zuckerwatte – Halli -Galli – Film, der auch in Saigon, Vietnam in GI Kinos lief, mit vietnamesischen Untertiteln.
  • Bild 8:Beach Boys „Good Vibrations“.
  • Bild 9: Udo Jürgens "Aber bitte mit Sahne."
  • Bild 10: Hawaiitoast mit Amarenakirsche
  • Bild 11: John Travolta "Saturday Night Fever."
  • Bild 12: Michael Jackson "Whos bad?"
  • Bild 13: Donna Summer „I will survive.“
  • Bild 14: Das Sägewerk mit dem Kinoberg. Da, wo der Röthenbach in den Fluss Pegnitz fließt.
  • Bild 15: Das Röthenbacher Rathaus
  • Bild 16: (Beispielbild) – Rauchwolke über Wohngebiet
  • Bild 17: Lt.Commander Bill Killgore, der im US Motion Picture „Apocalypse Now“ am Strand mit nacktem Oberkörper und Nordstaaten Offiziers-Hut surfen ging, begleitet vom Stakkato der Bell-Kampfhubschrauber-Rotoren.
  • Bild 18: Vietnam for many, many years – Bell UH 1 Transport und Ambulanz – Hubschrauber setzt Soldaten zwischen Reisfeldern und Palmen ab, um ein vietnamesisches Dorf anzugreifen.

Epilog

Manchmal hilft ein kleiner Abstand, um den grauen Gehirnzellen ein wenig Ruhe und Erholung zu gönnen, und dann noch mal zu revidieren. Überlegungen und ein Anruf bei Elke, der früheren Ehefrau meines Onkels Addi Mayer haben mich wieder ausgenordet. Elke betreibt seit dem Disco-Brand ein kleines Cafè mit veritablem Pizze und Imbiss Speiseplan, das Little Dream in Rückersdorf auf der anderen Pegnitz – Flussseite im Norden und an der B 14 nach Nürnberg gelegen. Sie kann mit 100%iger Sicherheit sagen, dass das Savoy schon im Herbst 1977 abgebrannt ist. Damit beziehen sich alle meine Erinnerungen auf das wiederaufgebaute Savoy nebst Rohbautoilette. Mathilde, Ottilie, Marie und Liliane verdrückten ihren Sahnekuchen also erst 1978 / 79, was sich wieder mit meinen Erinnerungen deckt. Erst das neue Savoy war auch Tagescafè mit den beiden schwulen Peters als Servicekräfte und mit der Bohnensuppe und dem Hawaiitoast aus Omas Küche.

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…weiter gehts.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Joe sagt:

    Sehr schön und interessant geschrieben. Erinnert mich an einiges in Röthenbach der 70er und frühen 80er. Das Savoy ist nach meiner Erinnerung im Juni 1977 abgebrannt. Kamen vom Pfingsturlaub zurück und es war mitten in Röthenbach eine Riesenlücke. Der Vater meines Klassenkameraden (wohnte damals am Speckschlag) wurde bei den Löscharbeiten auch schwer verletzt. Das Savoy wurde danach nochmals aufgebaut und war bis in die 80er noch gut besucht. Dann irgendwann wurde es eine Pizzeria und übergangsweise das Mehrgenerationenhaus bevor der große Abriss vor einigen Jahren erfolgte. Jetzt steht dort die „Neue Mitte“.

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