„Der Tiger“ von John Vaillant. Neues vom Menschenfresser?

Buchrezension: „Der Tiger“, von John Vaillant (…erschienen im Heyne Verlag.)

Der Amur-Tiger
Амурский тигр

Amurskiy tigr
aus der gleichnamigen Region im Osten Russlands an der Grenze zu Japan und China.

Buchtitel „DER TIGER“ von John Vaillant,
Heyne Verlag.



Konfuzius kam am Berg Tai vorbei, als er eine weinende Frau an einem Grab erblickte. Er legte die Hände vorne auf die Stange seiner Kutsche und hörte ihrem Weinen zu. Dann schickte er einen Schüler mit folgenden Worten zu ihr: „Dich muss ein großes Unglück getroffen haben, dass du so trauerst.“

Sie antwortete:

„So ist es. Mein Ehemann und mein Vater wurden von Tigern getötet, und jetzt auch noch mein Sohn.“ Konfuzius fragte: „Warum bleibst du dann hier?“ Sie erwiderte: Hier gibt es keine hartherzige Regierung.“ Konfuzius sprach: „Denkt daran, meine Schüler. eine hartherzige Regierung ist gieriger als ein Tiger.“

Buch der Riten (Li Ji)

Über die phantastische Seite „Krautjunker“ von Jens Werkmeister habe ich von diesem Buch erfahren. Ich habe es spontan gekauft und bin begeistert. (Blog und Facebook-Gruppe)
Lesen Sie meine Rezension und lassen Sie sich fesseln von der Geschichte eines „Menschenfressers“ im hintersten Russland. Der Protagonist „Wladimir Markow“ hat sein Leben lang Seite an Seite mit Tigern gejagt. Er sah sie nie, er spürte ihre Nähe und fand ihre Spuren im Schnee.
Dann ging die Sowjetunion unter und die prekäre Überlebenssituation, die ohnehin bei bis zu minus 40 Grad/Celsius vorherrscht, wurde unerträglich.
Markow begann Fehler zu machen, die ein Ureinwohner der Amur-Region nie machen würde. Diese Fehler führten dazu, dass der Tiger begann Markow zu jagen. Der Tod kam mit einem vier Meter langen Satz des wunderschönen Raubtiers. Markow hatte nur Sekunden, sich zu wundern, dass seine Waffe den Schuss nicht abgab, nicht wissend, dass das alte Gewehr den Tiger ohnehin nicht mal erschreckt hätte. Dann wurde es dunkel und kalt um die Leiche Markows. Nur ein Bein seines zerfetzten Jagdhundes ragte noch aus dem Schnee.

Rezension

Ein Mann läuft durch die Wälder von Primorje, Land am Meer, auf dem Weg zu seiner Hütte bei Sobolonje, einer kleinen Holzfällersiedlung. Das Land, das so groß ist wie Deutschland, ist Teil des hintersten Russlands, unweit der Japanischen See, des Amur-Flusses und des Bikin. Es ist Nacht. Der Mann ist für die Kälte viel zu leicht gekleidet und hat stundenlang seine Fallen kontrolliert. Der Name des Mannes ist Wladimir Markow. Vor der Perestroika und vor der nie da gewesenen Korruption und fehlenden Fürsorge der alten Sowjetunion, konnte er gut als Imker, Gelegenheitsarbeiter und Jäger leben. Aber jetzt war alles anders. Die Perestroika zerstörte alles und Boris Jelzin galt als Hauptschuldiger für die Armut, die in der abgelegenen Gegend um Sobolonje am stärksten zu spüren war.

Russische Kirche
Pixabay

Markow war guter Dinge.

„Sein Gewehr hängt schwer über der Schulter, Rucksack und Patronengurt sind auch nicht leicht. Aber er kennt diesen Weg gut und ist schon fast in Sichtweite seiner Hütte. …Vielleicht denkt er an die Laterne, die er gleich anzünden wird, und an das Feuer im Kamin; vielleicht stellt er sich vor, wie er gleich sein Gepäck abladen wird. Das Wasser im Kessel wird gefroren sein, aber der Ofen hat dünne Wände und wird schnell genauso heftig gegen die Kälte anglühen, wie sein eigener Körper. Schon bald wird es heißen Tee geben und eine Zigarette; dann Reis mit Fleisch und weitere Zigaretten. Vielleicht auch ein oder zwei Gläser Wodka, wenn noch welcher da ist….plötzlich ist da aber ein Geruch, der den Hund wie eine Wand zum Stehen bringt. Er knurrt. Die beiden sind Jagdpartner, und der Mann versteht sofort: Jemand ist bei der Hütte. Die Haare auf seinem Nacken stellen sich auf wie das Rückenfell des Hundes.

Aus der Dunkelheit dringt ein Grollen zu ihnen, das von überall her gleichzeitig zu kommen scheint.“

Tiger können bis zu 300 kg wiegen. Sie jagen seit zwei Millionen Jahren große Beutetiere und auch Menschen, und sie haben ein gutes Gedächtnis. Die Unterart der Tigerpopulation in Primorje nennt sich Amurtiger – völlig korrekt – da er gar nicht in Sibirien lebt – also de facto auch kein sibirischer Tiger sein kann. Die Menschen, die hier ihren Lebensraum mit dem Amur-Tiger teilen – die ihn fürchten, respektieren, tolerieren, leben hier friedlich mit dem Tiger in Nachbarschaft. Wenn du etwas von seiner zurückgelassenen Beute nimmst – lass etwas anderes für ihn da. Der Tiger wird es umgekehrt genauso tun und gelegentlich das Bein eines Wildschweines zurücklassen für den Ureinwohner dieses einstigen Teils der Mandschurei, der heute wie eine russische Kralle in der Ostflanke Chinas steckt. Einmal kam ein Tiger der Hütte eines dieser Menschen zu nahe, der Mann konnte durch das Fenster seiner Hütte sehen, wie der Tiger unweit der Behausung seinen Fang zerlegte und fraß. Der Mann ging hinaus und sprach zu dem Tiger. „Das ist mein Teil des Jagdgebietes, du bist zu nah. Die Tundra ist groß. Geh und such dir Dein eigenes Jagdgebiet.“ Der Tiger stand auf und trottete in den Wald.

Chinese Artwork – „Der Tiger“
老虎

Lǎohǔ

Erstaunlich. Die Tiger lebten seit Jahrhunderten in der Nachbarschaft – es geschah fast nie etwas. Ausser jemand kam ihm in die Quere. Es wird einmal geschildert, wie ein Mann arglos direkt auf einen Tiger zulief, der mit hohem Tempo auf ihn zukam, eigentlich auf der Suche nach einem Weibchen, das in der anderen Richtung lief. Der Tiger tötete ihn fast, bis der Mann, der seinen Arm tief in den Rachen des Tigers gestopft hatte – auf seine Nase schlug und der Tiger den schwer verletzten Mann loslies.
Manchmal spürte man eins dieser wunderschönen Tiere fast körperlich unmittelbar neben sich – doch man sah sie nie. Nur die Spuren ihrer bis zu 15 cm breiten Pfoten im tiefen Schnee kündeten von ihrer Existenz. Die Menschen hatten gelernt, diese Spuren zu lesen wie ein Buch. Der Tiger war aber immer auf einem wesentlich besseren Informationsstand, allein durch die unglaublichen Fähigkeiten seines Geruchssinnes. Nur Facetten von Geruchsspuren verrieten dem Tiger oft, ob es sich um einen Jäger, eine Frau oder Mann, ein Kind vor dem Haus oder auf der Strasse handelt und ob ein Hund dabei war. Er roch die Zigaretten, den Schnaps, die Kleidung, den Schweiss und das Pulver in den Patronen. Er konnte sogar unterscheiden, ob der Mensch stark und gesund war oder krank und schwach. In besonders kalten Wintern, wenn der vielleicht auch verletzte Tiger keinen Jagderfolg mehr verzeichnete über Wochen, konnte der Besitz eines Hundes lebensgefährlich für den Jäger sein. Der Hund gehört zum Beuteschema des Tigers. Die Aussentemperatur lag oft bis zu 70 Grad unter der Körpertemperatur des Tigers. Bekam der Tiger nicht mehr genug Fleisch, um seinen Proteinvorrat aufzufüllen, dann war er in der Gefahr eher zu erfrieren als zu verhungern. Dann trieb es ihn sogar in die Nähe des Menschen und er holte sich nachts Hunde, Vieh, Esel und Pferde. Der Mensch war als Jagdbeute tabu. So lange er sich dem Tiger nicht in den Weg stellte oder ihm etwas von seiner vorläufig zurückgelassenen Beute stahl.

Tiger – Artwork

Der Tiger ist intelligent, sensibel und absolut tödlich. Ein minderwertiges Gewehr kann dem Tiger ohnehin nicht viel anhaben. Verfehlt man ihn dann auch noch, schießen kann man erst in nächster Nähe – vorher sieht man ihn schlicht nicht – oder wenn der Tiger bereits im Sprung ist, und sein Brüllen den Boden der Taiga erzittern lässt, wie es ein Überlebender geschildert hat, dann ist man Sekunden später tot.

„Der Tiger hat die Kraft, eine sperrige und schwere Beute, zum Beispiel eine Kuh, wegzuzerren und irgendwo im Wald abzulagern. Die Vorderpfoten haben fünf Krallen, die fast wie die Finger einer Hand angeordnet sind. Sie dienen nicht nur zum Laufen, Rennen und Klettern, sondern auch als Keulen, mit denen der Tiger seine Beute niederknüppelt. Dabei sind sie gleichzeitig sanft und geschickt genug, um eine Fliege zu fangen und sie wieder frei zu lassen. Im Gegenzug haben die Hinterpfoten nur vier Krallen. Wegen des Überraschungseffekts greifen Tiger oft von hinten oder von der Seite an, aber sie kämpfen auch frontal und stellen sich auf die Hinterbeine. ….Raubkatzenkrallen sind nadelspitz und teils scharfkantig. Sie wirken wie Klingen, wenn sie ausgefahren sind. Das Opfer wird wie mit Skalpellen weniger aufgeschlitzt als gehäutet. Hauptzweck ist es jedoch sich mit den Krallen absolut sicher im Fleisch der Beute zu verankern. Die Zähne des Tigers sind so lang wie die eines Allosaurus. Sie sind mit Nerven durchzogen wie die eines Menschen. Der Tiger weiß zu jeder Zeit, welches Organ, welche Sehne, welchen Wirbel er gerade durchbeißt. Der Tiger kann einen Menschen töten, ohne dass ein Tropfen Blut fließt. Umso mehr jedoch wenn er mit den Skalpellen in seinem Maul die Beute seziert und frisst.

Skelett-Rekostruktion eines Allosaurus
Pixabay

Als der Tag hereinbrach, wurden Markow und sein Hund vermisst. Freunde fuhren zu seiner Hütte, um nachzusehen. Das Grauen, das sie vorfanden war fast unerträglich. Tage vorher war ein Tiger in die Siedlung der Holzfäller und Jäger gekommen, hatte das Toilettenhäuschen komplett zerstört und die Kraft der entfesselten Wut war deutlich sichtbar. Als die Polizei bei Markows Hütte eintraf, redeten die Männer immer noch darüber. Juri Trusch schlussfolgerte später, dass Markow auf den Tiger geschossen hatte – die Splitter eines Geschosses steckten noch im Bein des Tigers. Außerdem musste er ihm ein Wildschwein weggenommen haben, das der Tiger zum späteren Verzehr zurückgelassen hatte. Die Ausdünstungen der Toilette waren für den Tiger wie eine Personalführungsliste für einen Personalchef. Er wusste, wie viele Männer in der Siedlung waren, wer was gegessen hatte, ob Kranke dabei waren, ob es Jäger oder nur Holzlagerarbeiter waren. Der Geruch von Markows Exkrementen durfte ihn besonders interessiert haben. Da war Markows ganz eigener Körperodeur, seine Zigaretten, sein Schnaps, der Geruch nach dem Pulver aus dem Gewehr – aber ganz besonders konnte er deutlich das von Markow verspeiste Wildschwein aus der ekelerregenden Geruchssynfonie in dem hölzernern Bretterverschlag, das die Toilette war, herausdividieren. Der Tiger tat etwas was noch kein Tiger vor ihm getan hatte. Nachdem er das Toilettenhäuschen auseinandergerissen hatte, mit seinen 350 kg und seinen stilettartigen Krallen, wobei er sich selbst auch noch ein wenig verletzte in der ganzen Furor und Wucht seines Angriffs – begann er Exkremente zu fressen. Es war sein Wildschwein, auch wenn es bereits durch den Körper Markows gegangen war. Dann humpelte der Tiger mit einer verletzen Pfote in den Wald. Trusch, der Ermittler, konnte das später auch auf der weiteren Verfolgung des Tigers an seinen ungleichmäßigen Spuren im Schnee erkennen.

Der Tiger – eins der schönsten, faszinierendsten
und gefährlichsten Lebewesen, die ich kenne.

Dann legte er sich seelenruhig vor Markows Hütte – nicht ohne vorher auf Markows Matratze geruht zu haben und nahm diese schließlich mit hinaus in den Schnee, wo er sich in der Einfahrt darauflegte. Er wartete. Er wartete nicht auf irgend Jemanden, er wartete auf Markow. Er wartete auf seine Rache. Später legte er sich am Waldrand in den tiefen Schnee. Er hatte lange dort gelegen, denn mit dem Bauchfell hatte er den Schnee fast weggeschmolzen und er hinterlies den Abdruck seines Fells. Mehrere Tage musste der Tiger geduldig gewartet haben. Mehmals umkreiste er die Hütte und hinterlies auch zwei Kothaufen, um das Areal in Besitz zu nehmen. Der erste, der noch vor Eintreffen der Inspektion Tiger an Markows Hütte angelangt war, ist Andrei Onofretschuk. Per Anhalter war er, wie so oft zu der Hütte gelangt um mit Markow zu essen und Wodka zu trinken. An diesem Tage planten sie gemeinsam zum Eisfischen zu gehen. Das Blut in der Einfahrt konnte er sich zunächst gar nicht erklären. Er dachte Markow habe ein Tier zerlegt und das Blut nicht entfernt. Onofretschuk ging weiter, sah einige Kleidungsstücke und dann ein Hundebein das aus dem Schnee ragte. In diesem Moment sah er eine Mütze und empfand die Erkenntnis wie einen Schlag auf den Schädel. Weder konnte er den Marquis – Markows Spitzname – sehen, noch sie. Im Russischen wurden Tiger oft mit weiblichen Pronomen bedacht – wie Schiffe. Dann hörte er ihr Knurren. Onofretschuk ging langsam los – nur nicht rennen, dann frisst sie dich – und errreichte die Hütte. Onofretschuk sass in der Hütte Markows, trank Tee und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Er brauchte drei Anläufe, um schließlich die Hütte zu verlassen und Hilfe zu holen.

Nun. So wie ich das Buch verschlungen habe ab einem bestimmten Punkt – so kann ich kaum aufhören zu schreiben. Das Buch wird Sie – und Sie müssen es selbst lesen, zumal Sie selbst oft Jäger sind (Mitglieder bei „Krautjunker“) – sofort in seinen Bann ziehen. Die grausamen Details der Auffindesituation Wladimir Markows und auch der anderen Opfer von Tigerangriffen, welche in dem Buch geschildert werden, die Zusammenhänge mit russischer Politik und Zeit-Geschichte, die hochinteressanten Geschichten und Fakten zum Amur-Tiger als Jäger und auch als Gejagtem und die Geschichte der Männer, die zur Aufklärung der Tötung Markows entsendet wurden. Die Tatsache, dass der Tiger nie wieder unschuldig sein wird, und immer wieder Jagd auf Menschen machen wird, nachdem er herausgefunden hat, welch leichte Beute diese Zweibeiner doch sind, ist fast unausweichlich. Es wird nicht nach vollzogener Rache an Markow, dem Jäger und Fallensteller, enden. Die Inspektion Tiger – allen voran Juri Trusch, sollen den Tiger schützen, sie müssen ihn aber auch jagen, falls sich herausstellen sollte, dass er neue Fresspräferenzen entwickelt hat. Sie können nicht lange damit warten, denn ein zweiter Toter kann nicht der grausame Tribut sein, den die Kommission zahlen muss, um sicher zu wissen, dass sie nun einen Menschenfresser zu jagen haben.
Im Dschungelbuch ist Shir Khan, der Tiger, fast ein Aristokrat.

In Russland ist er der Zar der Tiere. Der Amurtiger.

„The Jungle Book“ Shir Khan, the tiger.
chroniquedisney.fr
Chinesiches Sternzeichen „Tiger“
KLICK on Photo
…weiter gehts.

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